Autoren aus Polen

In Polen gibt es eine Vielzahl an soliden Kinderbuchautoren, von denen aber wenige wirklich herausstechen. Einer der seit Jahren erfolgreichsten Kinderbuchautoren seines Landes ist Grzegorz Kasdepke (*1972), der für kleine Kinder schreibt und mit Kurzanekdoten über seinen Sohn Kacper den Durchbruch hatte. Und er ist für eine der beliebtesten Kinderbuchfiguren der letzten Jahre verantwortlich: Detektyw Pozytywka. Die Geschichten über den kaktusbewaffneten Detektiv, der Mitmachrätsel für Kinder rund um das Alltagsleben in einem Mietshaus zu lösen hat, füllen mittlerweile mehrere Bände und wurden ins Slowenische und Ukrainische übersetzt. Bisher konnte sich Kasdepke, der 2010 das White Ravens Festival in München besuchte, damit jedoch nicht auf dem deutschen Markt durchsetzen. Auch die 56-jährige Małgorzata Strzałkowska (*1955) ist in Polen vielbeschäftigt und schreibt vor allem Kinderlyrik und Märchen sowie Bilderbücher (s.u. bei Piotr Fąfrowicz). Auch der 1970 Kinderbuchautor und Übersetzer Paweł Beręsewicz (*1970) hat in Polen mehrfach ausgezeichnete KJL veröffentlicht und gilt als Vielschreiber für amüsante Familiengeschichten für die Altersstufe ab 8 Jahren. Beręsewicz bleibt dabei immer auf einem soliden Level, hat aber bisher nicht den „großen Wurf“ landen können.
Die im Folgenden vorgestellten Autoren sind bei Gesprächen mit polnischen Kinderbuchfachleuten und Verlegern als Empfehlung für den deutschen Markt vorgeschlagen worden. Insbesondere bei Marcin Szczygielski und Roksana Jędrzejewska-Wróbel sind diese Vorschläge bestens gerechtfertigt, aber auch für Ewa Nowak, die mit ihrer großen Anzahl an Teenagerromanen nicht immer Beachtung findet


Roksana Jędrzejewska-Wróbel (*1969)

Die Kinderbücher von Roksana Jędrzejewska-Wróbel machen einfach Freude, denn sie sind auf Zug geschrieben und zeichnen sich durch nette Wendungen im Plot aus. Ihre „Schnur-Geschichte“ (Sznurkowa historia) verfolgt den ‚verworrenen’ Lebensweg einer Schnur vom Laden über den Transport in einer Jackentasche, die Weltreise als Paketschnur bis in die „Schublade der nutzlosen Dinge“, aus der das Schnürchen jedoch mit einem Happy-End noch einmal entkommt. Im 2009 ausgezeichneten Kinderbuch „Das kleine Köngreich von Königin Aurelka“ (Maleńkie królestwo królewny Aurelki) beweist die Danziger Autorin Humor und macht die Protagonistin zur Königin eines postpaketgroßen, märchenhaften Königreiches, das ins Kinderzimmer passt. Als praktisch veranlagtes und aufgewecktes Kind will die auf Königreichgröße geschrumpfte Aurelka ihr ganzes Märchenwissen beim Königinnensein anbringen, muss aber feststellen, dass nichts so ist wie gedacht: Es ist total anstrengend zu regieren, die Hexe ist eigentlich ganz charmant, der böse Wolf hat eigentlich Komplexe, weil alle ihn für böse halten usw. Jędrzejewska-Wróbel liebt das Spiel mit Klischees und führt jene gern ad absurdum. Auch in der „Regenrinne“ (Rynna) zeigt sich das Talent der promovierten Literaturwissenschaftlerin, ungewöhnliche, witzige Stories aus dem Nichts zu zaubern: Die Regenrinne und der Regen erleben darin eine neverending lovestory, die einen nach der Lektüre nie wieder einfach so an einer unscheinbaren Regenrinne vorbeilaufen lassen. Roksana Jędrzejewska-Wróbel ist Mutter und ein Energiebündel – zwei Eigenschaften, die sicherlich dazu beitragen, dass ihre Lesungen quirlig und lebendig sind. Auch ihre Arbeiten für Lehrbücher und therapeutische Zwecke in (Kinder)kliniken (u.a. Lucjan oder das Säuglingsbuch Oto jestem!/“Hier bin ich“) machen die Polin zu einer vielseitigen Autorin.  

In Auswahl:

  • Maleńkie królestwo królewny Aurelki. Ill. Jona Jung. Warschau: Bajka 2009. (KB ab 6)
  • Lucjan – lew jakiego nie było. Ill. Jona Jung. Warschau: Muchomor 2005. (KB ab 5)
  • Sznurkowa historia. Ill. von Agnieszka Żelewska. Warschau: Nasza księgarnia 2004. (BB ab 5)
  • Rynna. Ill. Agnieszka Żelewska. Łódź: FRO9 2004. (KB ab 5)
  • Oto jestem! – ilustrowana opowieść o pierwszych miesią. Ill. Włodzimierz Fijałkowski. WSiP 2001. (KB ab 4)

Keine Kommentare


Marcin Szczygielski (*1972)

2010 ist DAS Jahr für Marcin Szczygielski – eigentlich Journalist und Erwachsenenautor – gewesen: Als Schriftsteller für phantastische Jugendbücher (ab 12) wird er für die virtuelle Odyssee Omega mit dem Preis für das Buch des Jahres im Bereich Jugendbuch ausgezeichnet, und dann gewinnt Szczygielskis unheimliche Geschichte Czarny Młyn („Schwarze Mühle“) beim Astrid-Lindgren-Manuskriptwettbewerb in Polen den Grand Prix. Sobald man anfängt, Szczygielski zu lesen, kann man diese Entscheidung durchaus nachvollziehen, denn sowohl Omega als auch „Die schwarze Mühle“ entwickeln sofort einen großen Lesesog, der auf der typischen Spielregel phantastischer Literatur gründet, nach und nach in eine vermeintlich „normale“ Welt mystische und unheimliche Ereignisse einzuflechten, die jedoch nicht oder unvollständig erklärt werden. Czarny Młyn erzählt die durchaus sozialkritische Horror-Story über ein trostloses, isoliertes, verarmtes, von der Umwelt vergessenes Dorf an irgendeiner polnischen Autobahn, in dem aber nicht alles so ist, wie es scheint. Erzählt aus der Sicht eines der wenigen Dorfjugendlichen, gruselt es den Leser zunehmend: Aus dem Dorf sind alle Tieren verschwunden, es gibt nur eine holprige Straße, eine stillgelegte Fabrik ist Zeichen des allgemeinen Verfalls, am unheimlichsten ist jedoch, dass merkwürdige Dinge geschehen, die die Erwachsenen scheinbar nicht wahrnehmen, in denen die Kinder aber eine diffuse Gefahr spüren. Allein die an den Rollstuhl gefesselte kleine Schwester des Protagonisten sieht all die unglücklichen Geschehnisse voraus und scheint sie deuten zu können, allerdings kann sie sie doch nicht recht verbalisieren...am Ende müssen sich die Jugendlichen bewähren, um sich und ihr Dorf zu retten. Das 600 Seiten starke Omega wiederum befasst sich mit der Grenzverwischung von Realität und virtueller Computerwelt und wird auf seine Weise zur unheimlichen Lektüre. Der zwölfjährige Omega bekommt einen mysteriösen Link zu einem realitätsverändernden Computerspiel geschickt. Er lässt sich auf das Spiel zunächst begeistert ein, und erhält per SMS seine Aufgaben geschickt. Omega muss jedoch feststellen, dass das Spiel immer mehr von seiner Wirklichkeit, die in Warschau verortet ist, Besitz ergreift und ihn verändert. Immer stärker im sklavischen Bann des Spiels und dessen Erfinder, droht der Junge seine Identität zu verlieren. Wie in Czarny Młyn, so schafft es Szczygielski auch in Omega durch permanente Rückkopplung an die Realität und die bekannte Welt, für den Leser einen unheimlichen Schwebezustand zu erzeugen, bei dem dieser unsicher wird und nicht entscheiden kann, ob sich das eigentlich Unmögliche nicht doch ereignen könnte.

 

In Auswahl:

  • Czarny Młyn. Warschau: Stentor 2011. (JB ab 12)
  • Za niebieskimi drzwiami. Warschau: Latarnik 2010. (KB ab 10)
  • Omega. Warschau: Latarnik 2009. (JB ab 12)

Keine Kommentare


Wojciech Widłak (*1957)

Vor seiner Kinderbuchautorenkarriere hat Wojciech Widłak viele andere Dinge gemacht und war unter anderem im Iran und Russland tätig. Seine Erfahrungen in internationalen Beziehungen konnte er auch als Verleger und Autor einsetzen. In Polen ist er verantwortlich für die wahrscheinlich wichtigste Kinderbuchreihe (neben den Detektiv-Geschichten von Schriftstellerkollege Grzegorz Kasdepke) der abgelaufenen Dekade: „Herr Kügelchen“ (Pan Kuleczka). Und auch mit der neuen Reihe der „NICHTnachschlagewerke“ (NIEporadnik), in der er zusammen mit Paweł Pawlak sinniert, was man alles NICHT mit bestimmten Dingen anstellen sollte (s.u. bei Pawłak), ist Widłak ein Erfolg bei Publikum und Kritik gelungen. Widłak schreibt vor allem für die jüngsten Leser, und der von jenen heiß geliebte Pan Kuleczka ist mittlerweile als Hörbuch, als Animationsfilm und sogar auf der Straßenbahn in Poznań zu finden und hat eine eigene Website. Mit ihm hat Widłak eine warmherzige Figur geschaffen, die mit Ente, Hund und Mücke zusammen wohnt und die die drei unterschiedlichen Tierchen mit deren Eigenarten und Charakteren bei Laune zu halten hat. In liebevollen kurzen Geschichten beschreibt Widłak, wie sich Herr Kügelchen mit Apfelkuchen und Zoobesuchen rührend um seine „Kinder“ kümmert. Die kleinen Leser lieben die Geschichten von der Ente, die schusselig ist, Ordnung hasst, gern meckert und aufmüpfig ist und die vieles tut, was Kindern häufig von ihren Eltern als schlechtes Verhalten angekreidet wird. Im Gespann mit dem verschrobenen Hund und der seltsamen Mücke entwickeln sich um Pan Kuleczka Alltagsanekdoten, die vor allem auf den Dialogen zwischen den sich mehr oder minder verstehenden Protagonisten fußen. Wie auch sein das Kinderbuch über Ryjek, ein kleines Schweinchen und dessen Familie (Wesoły Ryjek/ „Fröhliches Rüsselchen“) zeigt, ist Wojciech Widłak in erster Linie ein Autor für kleine, unaufgeregte Familiengeschichten, die zum Schmunzeln anregen.

In Auswahl:

  • Podręczny nieporadnik (3 Bände). Ill. Paweł Pawlak. Kraków: Czerwony konik 2009-2011. (KB ab 5)
  • Wesoły ryjek. Ill. Agnieszka Żelewska. Poznań: Media Rodzina 2010. (KB ab 4) Sekretne życie Krasnali w Wielkich Kapeluszach. Ill. Paweł Pawlak. Łagiewniki: Format 2008.
  • Pan Kuleczka (5 Bände). Ill. Elżbieta Wasiuczyńska. Poznań: Media Rodzina 2002-2007. (KB ab 4)

Keine Kommentare


Ewa Nowak (*1966)

Vielleicht ist Ewa Nowak so etwas wie die polnische Alexa Hennig von Lange. Eine Vielzahl von Jugendromanen, vor allem für Mädchen, ziert ihre Bibliografie. Sie ist eine echte Jugendbuchautorin und erforscht mit ihren Büchern die unterschiedlichen Problemthemen – allen voran die Liebe – des Erwachsenwerdens. Herausragend aus ihren mehr als 25 Büchern, die sie seit 2002 verfasst hat, sind Krzywe 10 (Ortsname ‚Krzywe’, Nr. 10) und Bardzo biała wrona („Eine sehr weiße Krähe“). In Krzywe, einem Erholungsort in Mazuren treffen Landjugend und Warschauer Stadtteenager aufeinander und in der sommerlichen Urlaubsstimmung entspinnen sich zarte Liebesbande und große Dramen: Unter den Teenagern entsteht der berühmte Zwang, dazugehören zu wollen und sei es, dass man sich verstellen muss und die eigenen Gefühle leugnet. Doch nicht allein die Suche nach Identität, Selbstbewusstsein und Nonkonformismus, sondern auch das Loslösen von den Eltern und von elterlicher Karrieresucht (projiziert auf die Kinder) sind Themen des Romans. Ewa Nowak nutzt vor allem das Setting des kleinen Dorfes und des abgesteckten Zeitraumes, um – fast wie im klassischen Drama – den Plot immer stärker zu konzentrieren und zuzuspitzen. In Bardzo biała wrona, das 2009 Jugendbuch des Jahres in Polen war, ist die Handlung „erwachsener“ und kosmopolitischer. Sie dreht sich um die scheinbar perfekte Liebesbeziehung zwischen Natalia und Norbert, der heiß begehrt bei den Mädchen ist. Nach und nach zeigt sich jedoch Norberts wahres Gesicht: Mit übermäßigem Kontrollzwang (notfalls auch mit Gewalt), Herrschsucht und Manipulation vergiftet Norbert die Beziehung der Teenager und bringt Natalie an den Rand des (psychischen) Wahnsinns, aus dem sie sich kaum befreien kann. Nowak geht bei dieser Geschichte recht weit in die Tiefe, baut die Charaktere in bester realistischer Tradition von ihrer Kindheit an auf und wechselt häufig den Erzählfokus. Der Leser glaubt sich damit dicht am Geschehen und fühlt ähnlich hin und her gerissen wie die Figuren. Reizvoll an Nowaks Büchern sind auch die sequellhaften Querverweise: man begegnet einzelnen Figuren in anderen Büchern wieder, verfolgt deren Geschichte am Rande des eigentlichen Plots weiter und erhält so den Eindruck, mit jedem Buch in die immer gleiche große fiktionale Realität einzutauchen und zurückkehren zu dürfen.

In Auswahl:

  • Bardzo biała wrona. Warschau: Egmont 2009. (JB ab 14)
  • Lawenda w chodakach. Warschau: Egmont 2004, 2006,2007. (JB ab 14)
  • Krzywe 10. Warschau: Egmont 2003. (JB ab 12)

Keine Kommentare


Anna Onichimowska (*1952)

Onichimowska ist nach wie vor eine zentrale Gestalt im polnischen KJL-Betrieb. Mit gut 30 Kinder- und Jugendbüchern im Gepäck reiste sie bereits 2004 nach Saarbrücken auf die Europäische Kinder- und Jugendbuchmesse und nach Berlin auf das Internationale Literaturfestival. Den beiden Übersetzungen ihrer preisgekrönten Kinderbücher „Eine gelbe Geschichte“ (Żółta zasypianka) und der Einschlafgeschichte „Wo ist mein Traum“ (Sen, który odszedl) folgte bisher jedoch keine weiterer Titel in deutscher Sprache. Im Bereich des Jugendbuches sei dennoch auf zwei der wichtigsten Titel von Onichimowska, die auch lange Zeit der polnischen IBBY-Sektion vorstand, verwiesen: zum einen auf den aufwühlenden Drogenroman Hera moja miłość („Heroin, meine Liebe“) und dessen Forsetzung Lot komety („Kometenflug“), zum anderen auf das 2007 erschienene „Zehn Seiten der Welt“ (Dziesięć stron świata). Während Hera moja miłość den typischen Fall eines Drogenabsturzes thematisiert, aber auch ein Zeichen für Solidarität mit den Betroffenen setzt, klingt in den „Zehn Seiten“ das Thema der Globalisierung an. Onichimowska beschreibt in den zehn Geschichten des Buches Jugendliche in unterschiedlichen Teilen der Welt und mit welch unterschiedlichen Wirklichkeiten sie konfrontiert werden: Selbstmordattentate in Palästina, Prostitution in Kolumbien, lesbische Hochzeit in Dänemark und Modellbusiness in Polen...Onichimowka will sagen, wie anders Menschen und v.a. Jugendliche leben können und dennoch einander ähnlich sind.

In Auswahl:

  • Dziesięć stron świata. Warschau: Znak 2007. (JB ab 13)
  • Hera moja miłość. Warschau: Świat książki 2003. (JB 13) - frz.: Héro, mon amour. Paris: Editions Thierry Magnier 2009. (JB ab 13) - Kor.: Dobry potwór nie jest zły. Ill. Maria Ekier. Seoul: Changbi Publishers 2006. - Sen, który odszedł. Ill. Krystyna Lipka-Sztarbałło. Warschau: Ezop 2001. (BB ab 4) - dt.: Wo ist mein Traum? Übers. Natalie Weber. Saarbrücken: Verlag Europäische Kinder- und Jugendbuchmesse e.V. 2005.
  • Żółta zasypianka. Ill. Krystyna Lipka-Sztarbałło. Łódź: FRO9 2005. (BB ab 4) dt.: Eine gelbe Geschichte. Übers. Natalie Weber. Saarbrücken: Verlag Europäische Kinder- und Jugendbuchmesse e.V. 2004.

Keine Kommentare
Seite drucken